Gottlieber Hüppen - Wie eine Schweizer Spezialität die Welt eroberte

Wer kennt sie nicht – die knusprigen Waffelröllchen mit der zartschmelzenden Praline-Füllung? Gottlieber Hüppen. Für viele eine Kindheitserinnerung. Ich kam erst relativ spät in den Genuss dieser berühmten Schweizer Spezialität. Als ich für Recherchen zu meinem Roman „Ein schnelles Leben“ monatelang in Berlin lebte, schickte mir ein Verehrer aus der Schweiz regelmäßig Schachteln mit Gottlieber Hüppen zu. Selten habe ich mich so auf Post gefreut wie damals!

Begonnen hat sie mit Frauenpower. 1928 übernahm Elisabeth Wegeli das Waffeleisen ihrer Nachbarin und gründete das Unternehmen. Zur damaligen Zeit ein mutiger Schritt. Wegeli kam auf die Idee, die bisher leeren Röllchen mit Schokolade zu füllen. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Die im Dorf Gottlieben schon Jahrhunderten hergestellten Waffel, hatte schon 100 Jahre zuvor prominente Genießer: Königin Hortense de Beauharnais Bonaparte, die auf den nahegelegenen Schloss Arenenberg lebte, war verrückt nach den „Gaufrettes“ - wie sie damals noch hießen. Auch ihr Sohn, der spätere Kaiser von Frankreich, Napoleon III, soll ein begeisterter Anhänger der Gottlieber Spezialität gewesen sein.

Das Waffeleisen von Elisabeth Wegeli aus den zwanziger Jahren ist heute übrigens ein Ausstellungsstück – es dokumentiert den Ursprung eines kulinarischen Kulturguts der Extraklasse. Das ursprüngliche Rezept der Gottlieber Hüppen, welches auch noch heute genauso verwendet wird, bleibt aber weiterhin „Top Secret“.

Dass der feine Konfekt heute weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt ist, ist auch dem Innovationsgeist von Dieter Bachmann und seinem Team zu verdanken. Der gebürtige Thurgauer übernahm 2008 das Unternehmen und vergrößerte maßgeblich sowohl Produktion als auch Geschmacksvarianten. Zudem führte er in einigen Schweizer Städten die Gottlieber Sweets & Coffee Shops ein - gemütlich eingerichtete Cafés, in denen man die Spezialitäten im stilvollen Ambiente genießen kann.

Die Nachfrage an den Hüppen ist riesig.

Mittlerweile werden pro Jahr mehrere Millionen Hüppen hergestellt. Nebst den klassischen Füllungen wie Praline, Mokka und Gianduja gibt es die Premium Line mit Cappucino, Amaretto und Irish Cream oder der edlen hochprozentigen „Black Special Grand Cru“.

Sehr beliebt ist auch der hausgemachte Brotaufstrich, die sogenannte „Morgensünde“- mit Hüppenstückchen und Sel des Alpes: eine Nutella für Gourmets. Man darf an dieser Stelle auch erwähnen, dass die Verpackung all dieser Produkte extrem schön ist – eine Augenweide. Aber das Wichtigste: Es schmeckt auch alles so gut wie es aussieht.

Der Erfolg liegt einerseits an der Begeisterungsfähigkeit und Kreativität des Unternehmens, aber sicher auch an der Neugier und dem Willen des Inhabers, jeden Schritt der Produktion selbst zu verstehen. So arbeitete Dieter Bachmann in der Fabrik mit, um sein Produkt sozusagen von „innen her“ kennenzulernen. Dieser passionierte Einsatz zahlt sich aus.

Bei einem Unternehmen mit so hohen Qualitätsansprüchen ist es natürlich selbstverständlich, dass weder künstliche Farb- und Konservierungsstoffe verwendet werden und der Kakao und Kaffee aus fairem Handel kommt. Noch heute wird jede einzelne Hüppe von Hand kontrolliert und verpackt.

Es ist durchaus eindrucksvoll, wie sich diese Perle eines Schweizer Traditionsprodukts bis heute behaupten konnte und bei allen Generationen gleichermaßen beliebt ist.

Gerade jetzt, wo alle zu Hause bleiben sollen, ist es wichtig sich ab und zu eine Freude zu machen um sich aufzumuntern, aber auch an andere zu denken, denen es vielleicht schlechter geht als einem selbst. Gerade jetzt zu Ostern an der viele Großeltern – wie zum Beispiel auch meine Eltern -, ganz alleine ohne ihre Kinder und Großkinder verbringen müssen. Es ist nun mal eine Tatsache, dass Schokolade glücklich macht, tröstet und beruhigt.

Die Gottlieber Manufaktur ist übrigens ein Kind der Wirtschaftskrise. Sie überlebte diese sowie den zweiten Weltkrieg. Zweifellos wird in der Manufaktur in Gottlieben auch der derzeitigen Krise mit Kreativität begegnet. Daher gibt es jetzt zum Beispiel die köstlichen #wirbleibenzuhause-Homeoffice-Boxen. Hoffen wir, dass die Gottlieber Sweets & Coffee Läden bald wieder öffnen und sich mit Leben füllen. In der Zwischenzeit – davon sind wir überzeugt – werden Dieter Bachmann und sein Team die Zeit nutzen, um neue tolle Ideen zu entwickeln. Wir freuen uns darauf!


Interview mit Dieter Bachmann

 

 

P&T: Was hat Sie 2008 bewogen das traditionelle Familienunternehmen Gottlieben Hüppen zu übernehmen? Was hat sie daran besonders gereizt?

 

Es war reiner Zufall, dass ich auf das Unternehmen kam. Oder man kann auch sagen, dass mir das Unternehmen gewissermaßen in den Schoss gefallen ist. Ich analysierte zuerst einmal, was das Unternehmen am meisten benötigt von einem neuen Unternehmer und was meine Talente sind. Da sah ich, dass es passen könnte. Hätte es andere Talente, zum Beispiel einen Lebensmitteltechnologe-Profi gebraucht, so wäre ich nicht eingestiegen. Als Gründer mehrerer Unternehmen & Startups, hat es mich natürlich auch gereizt, ein etabliertes und renommiertes Unternehmen zu übernehmen.

 

P&T: Können Sie Sich erinnern wann Sie ihre erste Gottlieben Hüppe gekostet haben? Wussten Sie da schon, dass Sie einmal dieses Unternehmen führen werden?

 

Meine erste Hüppe habe ich von meiner Großmutter bekommen. Ich genoss es jeweils mein Asterix zu lesen und dabei eine Hüppe auszusaugen. Dass ich aber für dieses tolle Unternehmen arbeiten darf, hätte ich aber nie gedacht.

 

P&T: Seit der Übernahme haben Sie viele neue Produkte eingeführt – es gibt inzwischen sogar in einigen Schweizer Städten „Gottlieber Sweets & Coffee’s“. Wie kommen Sie auf diese innovativen Ideen, wer oder was inspiriert sie?

 

Wir arbeiten bei Gottlieber eigentlich immer eng im Team zusammen. So haben wir in der Geschäftsleitung oder im Marketingteam immer wieder tolle oder verrückte Ideen. Diese entwickeln sich im Dialog und nach „Trial and Error“-Prinzip. Wir haben keine speziellen Budgets für Forschung/Entwicklung und Konsumententests. Eigentlich haben wir viel zu viele Ideen und ich sage immer, verkauft zuerst die „alten“ Ideen, bevor ihr wieder mit neuen Produkten kommt. Doch leider bin ich selber vom Neuen so begeistert, dass wir es dann trotzdem umsetzen.

 

P&T: Wie viele Hüppen werden pro Jahr hergestellt?

 

Das sind viele Millionen im zweistelligen Bereich.

 

P&T: Die Schweizer lieben ihre Gottlieben Hüppen- in welchen anderen Ländern kann man Gottlieben Hüppen auch noch genießen?

 

In Deutschland, Asien (vor allem China) und Nahen Osten. Hauptsächlich sind wir aber in der Schweiz vertreten.

 

P&T: Sie verzichten bewusst auf künstliche Farb-und Konservierungsstoffe. Wie wichtig ist ihnen die Qualität der Rohstoffe und Nachhaltigkeit im Allgemeinen?

 

Wir haben schon vor mehr als zehn Jahren begonnen die Rohstoffphilosophie zu ändern. Als eigentlich noch niemand davon sprach. Cacao und Kaffee sind aus fairem Handel, viele Rohstoffe aus biologischem Anbau. Strom kommt aus nachhaltigen Quellen und auch bei den Lieferanten versuchen wir möglichst „nahe“ einzukaufen. Wir sind der Meinung, unsere Kunden zahlen einen höheren Preis für unsere Produkte, deshalb müssen diese auch höheren Kriterien entsprechen. Aber, wir sind bei weitem nicht perfekt. Zum Beispiel bei der Verpackung, Fetten usw. suchen wir nach neuen Möglichkeiten und müssen stehts dranbleiben.

 

P&T: Wie genießt man Gottlieben Hüppen ihrer Meinung nach am besten?

 

Dazu gibt es 5 lustige Möglichkeiten auf YouTube, von mir mit einem Augenzwinkern erklärt ( https://youtu.be/YKz8S64Bd1k ). Zwei weitere Möglichkeiten gibt es noch von Kundinnen und Kunden auch auf unserem YouTube Kanal (https://youtu.be/3LuDWM5fr3E).

 

P&T: Wie viele Variationen von Gottlieben Hüppen gibt es?

 

Es gibt 14 verschiedene Geschmacksversionen. Zum Teil auch saisonale Produkte.

 

P&T: Sie haben auch schon selber die Ärmel hochgekrempelt und in der Manufaktur mitgearbeitet. Was bedeutet Ihnen der Kontakt zu den MitarbeiterInnen?

 

Ich bin gerne bei den Menschen und in der Produktion. Es sind die ProduktionsmitarbeiterInnen, die unsere Produkte machen und auch ausmachen. Sie arbeiten täglich mit unglaublich viel Leidenschaft und Freude. Trotzdem bin ich meiner Meinung viel zu wenig bei ihnen, am Ort, wo die Magie wirklich stattfindet. Sitzungen, Termine usw. blockieren vielfach zu viel wichtige Qualitätszeit.

 

P&T: Was ist die grösste Herausforderung in der Nahrungsmittelproduktion im gehobenen Feinkostbereich?

 

Nicht immer jedem Trend nachzufolgen und dadurch die eigenen Werte und Qualität zu verlieren. Zusätzlich erschweren immer mehr Gesetze, Zertifizierungen und Regulatorien auch aus der EU und den USA die Lebensmittelherstellung. Ich nenne sie „Wasserkopfkosten“. Sie werden meines Erachtens immer grösser und unsinniger. Gibt es kein Gegensteuer wird der Moment kommen, wo sich das nur noch Großkonzerne leisten können.

 

P&T: Was ist für Sie das Einzigartige an den Gottlieben Hüppen?

 

Die Produktionsart. Wir haben einzigartige Methoden. So backen wir jede Hüppe einzeln, als eine hauchdünne Crêpe, nicht mehr als 0.7mm dünn. Anschließend rollen wir diese einzeln, wie eine edle Zigarre. Danach wird jede Hüppe einzeln mit Schokolade oder Gourmet-Cremen gefüllt und von Hand verpackt. In dieser Anzahl und Art und Weise sind wir wahrscheinlich weltweit die Einzigen, die das Können.

 

 

 

P&T: Sie haben es geschafft ein Traditionsunternehmen erfolgreich in die Gegenwart zu holen. Was ist Ihr Geheimnis?

 

Zukunft hat Herkunft. Schon im Tempel von Delphi steht „Erkenne dich selbst“. Wir stehen zu dem, was wir sind und nicht zu dem, was wir am liebsten sein wollen. Zudem darf man Tradition nicht als ein Ruhekissen verstehen und muss sich immer wieder selbst hinterfragen.

 

P&T: Wird die Produktion in Zukunft noch weiter ausgebaut? Auf was für neue Produkte dürfen sich LiebhaberInnen der Gottlieben Hüppen freuen?

 

Wachsen steht bei uns nicht im zentralen Vordergrund. Wir wollen profitabel klein bleiben. Aber tatsächlich haben wir sehr großen Erfolg mit den hausgemachten Traufs, sowie mit unserem haus- und handgemachten Brotaufstrich namens „Morgensünde“. Welcher wider Erwarten ein absoluter Erfolg ist. Weitere Ideen haben wir schon, aber die sind (leider) noch nicht spruchreif.

 

P&T: Ganz herzlichen Dank!

 

Ich danke auch herzlich.

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